Invasive Pflanzen

22. Juli 2025

Es gab neue Vokabeln zu lernen und Sprachkenntnisse zu bestaunen. Die Leiterin der Aurajokisäätiö[1] (säätiö bedeutet ‚Stiftung‘) stammt aus dem Archipel, dem Meer von Inseln vor der Mündung unseres Flusses. Sie spricht Schwedisch und Finnisch, dazu ausgezeichnetes Englisch und sogar etwas Deutsch – im Gegensatz zu der Vorgängerin, die Finnisch konnte. Mit dieser Direktorin wendet sich die Stiftung an Einrichtungen in anderen Ländern, die sich unter anderem mit Problemen der Globalisierung und den Herausforderungen der Klimakrise befassen.

Lammikki oder Sjögull ist der Name eines dieser Probleme. Als invasive Pflanze hat die Lingua franca der Botanik einen Fachbegriff dafür, und die Lingua franca der sonstigen Welt hat einen ausgesprochen zärtlichen und romantischen parat. In der lateinischen Taxonomie heißt sie Nymphoides peltata, auf Englisch yellow floating heart (auf Deutsch trägt sie den komplett unromantischen Namen Seekanne).

Hinter dem zarten Namen verbirgt sich eine raue Geschichte der Ver- und Ausbreitung im globalen Norden. Ursprünglich in Ostasien beheimatet, gelangte das gelbe Herzblatt nicht als eroberungswütiger Eindringling in die Gärten Europas und Nordamerikas, der sich listig einschmuggelte auf Frachtschiffen oder in den Mägen und an den Klauen von Zugvögeln. Es waren die Menschen selbst und die Ökonomie hinter ihrer Vorstellung von dekorativer Agrokultur, die lammikit (so der finnische Plural) in ihre Gartenteiche holten.

Der langsam fließende Fluss Aurajoki bietet ideale Bedingungen für die Ausbreitung der Nymphoides peltata. Die Spezies hat die Ziergartenteiche längst verlassen und sich selbst ausgewildert. Ihre zwei Meter langen Stolonen – Stängeln, die miteinander verbunden sind und unter der Oberfläche des Sees ein dichtes Netz bilden – tragen Knoten, und jeder Knoten kann neue Triebe und Wurzeln bilden. Das Abreißen eines Stolons von seinem Stamm trägt bei zur Ausbreitung. Heute finden sie sich von Lieto bis Vanhalinna und weiter.

Für die Botanik-Fachleute in der Aurajokisäätiö ist die wilde lammikki, die 2017 erstmals in Finnland gesichtet wurde, ein schädliches Kraut, da ihr dichtes Unterwassernetz andere Wasserpflanzen, insbesondere einheimische Arten, wie die harmlose Verwandte der lammikki, die ulpukka, wortwörtlich in den Schatten stellt. Tatsächlich ist sie eine Bedrohung für die Artenvielfalt des Aurajoki.

Aber wie damit umgehen? Invasive Arten sind Teil einer Ausbreitung, die meist vom Menschen getrieben ist. Seekannen, Einzeller oder Mollusken, die in fremden Häfen in die Ballasttanks von Schiffen geraten und nach Turku gelangen, wirken hier ein. Einige tragen, wie bereits erwähnt, zur Verringerung der Artenvielfalt bei. Also ausrotten? Das heißt, erneut eingreifen – anthropos repariert anthropos’ Fehler?

Die globale Biodiversität und die globiologische Vielfalt erfordern neue Antworten. Einen Teil der Biodiversität zu vernichten, um das Überleben anderer Arten zu sichern, ist eine einfache Lösung – vielleicht eine zu einfache. Dabei wird sehr in Kategorien wie ‚giftig‘ und ‚pathologisch‘ gedacht, und in vielen allzu menschlichen Kategorien und Unterscheidungen zwischen gut und schlecht, gesund und ungesund. Nymphoides peltata würde, wenn es eine eigene Sprache hätte, seine eigene private Globalisierung nicht als Invasion bezeichnen, die anderen Teilen der Welt Schaden zufügt.

Das nehme ich zumindest an.

Die verantwortungsbewussten Öko-Experten am Aurajoki gehen das Problem anders an. Sie schlagen vor, die Seekannenfelder stromaufwärts von Hailstenkoski mit einer undurchsichtigen Matte abzudecken, damit sich die lammikit nicht weiter ausbreiten können. Als Kollateralschaden dürften dabei auch andere Wasserpflanzen draufgehen, doch würden die, anders als der gelbe Eindringling, einfach eine Generation überspringen und wieder auftauchen.

Für Donnerstag sind wir zu einer Unkrautbekämpfungsaktion eingeladen: der Säuberung des Flussufers von einer weiteren invasiven Pflanze, Impatiens glandulifera.

Dr. Phil. Bruno Ahrich-Gerz


[1] https://aurajoki.net/ (14. August 2025).

Talkoohenki erleben

Ein zentraler Aspekt finnischer Kultur spiegelt sich im Konzept des Talkoohenki wider:

„Talkoohenki – was sich frei mit „Gemeinschaftsgeist” übersetzen lässt – bedeutet, mit anzupacken, wenn man gebraucht wird, ohne darum viel Aufhebens zu machen. Das sind Nachbarn, die zusammen ein Dach reparieren, Bewohner eines Wohnhauses, die ihren gemeinsamen Innenhof verschönern, oder ein Freund, der stundenlang fährt, um bei einem Umzug zu helfen. Das ist Zusammenarbeit, Vertrauen und Solidarität in der Praxis.“ (https://finland.fi/de/leben-amp-gesellschaft/der-schluessel-zum-finnischen-glueck-koennte-gegenseitige-hilfe-sein/)

Gezielter kommt dieser Gemeinschaftsgeist bei einem sogenannten Talkoot zum Vorschein: Menschen treffen sich und kommen zusammen um gemeinsam und unentgeltlich ein Projekt, eine Veranstaltung oder Ähnliches zu erledigen. Während tatkräftiger und kollektiver Anstrengung zur Erhaltung des lokalen Ökosystems, konnten wir die Ausführung dieses Konzeptes und somit einen wesentlichen Teil finnischer Kultur hautnah erleben. An einem unserer verbrachten Tage an der Stiftung Aurajokisäätiö am Hallistenkoski wurde uns mitgeteilt, dass nachmittags eine Aktion stattfinden würde, um die invasive Pflanzenart Impatiens glandulifera, besser bekannt als Drüsiges Springkraut oder Himalayan Balsam, entlang des Flussufers des Aurajoki zu entfernen. Natürlich nur stellenweise und soweit es die geographischen Gegebenheiten erlauben, aber große Erfolge gelingen bekanntlich mit kleinen Schritten. So machten wir uns zum abgemachten Zeitpunkt auf zum Museum, trafen die zahlreichen Mitglieder der Gruppe, erhielten unser Werkzeug für das Vorhaben und legten gemeinsam los. Nach einigen Stunden des Pflanzenausrupfens kamen wir am Abend dann wieder am Café der Stiftung zusammen, wo wir den Abend mit Erfrischungen, Snacks und einem regen Austausch ausklingen ließen.

In dieser Aktion spiegelte sich das Konzept des Talkoohenki optimal wider: Menschen verschiedenster Backgrounds und Professionen kommen unter dem gemeinsamen Zweck das lokale Ökosystem zu schützen und erhalten zusammen. Wir hatten die Chance einige der TeilnehmerInnen zu interviewen und erhielten interessante und wertvolle Einblicke zu diesem Konzept. Ein Teilnehmer, welcher auch Mitorganisator dieser Aktion ist, beschreibt, dass er über einen Freund auf die invasive Pflanzenart aufmerksam geworden ist und eine Notwendigkeit gespürt hat etwas für den Erhalt des Flusses zu tun, da der Fluss ihm viel bedeute (er ist auch eine der wenigen Personen , die wir interviewt haben, welchen schon einmal im Aurajoki schwimmen gewesen ist!). Er hat sich anschließend bei der Stiftung über Talkoots diesbezüglich informiert und da es für das Entfernen dieser Pflanzenart noch keine separates Talkoot gab, gründete er dies in Kollaboration mit der Stiftung, welche es dann publik gemacht hat. So kam dieses Talkoot zustande, das zunächst eine überschaubare Teilnehmeranzahl aufwies, was sich aber in den darauffolgenden Sommern änderte, da immer mehr Menschen zu dieser Aktion dazu gestoßen sind. Einer von diesen Menschen, die das erste Mal teilgenommen haben, ist ein Lehrer und Zirkusartist. Er wollte insbesondere aufgrund der kommunalen und sozialen Eigenschaft des Talkoots an dieser Aktion teilnehmen, aber findet es ebenso wichtig, dass dadurch en positiver Effekt auffasst umliegende Ökosystem erzielt werden könnte. Eine besondere Bedeutung des Flusses liegt für ihn in seiner beruhigende Eigenschaft. Was ihn außerdem besonders begeistert aber auch überrascht hat, war die rege Teilnehmeranzahl an diesem Talkoot. Eine weitere Teilnehmerin, die wir interviewt haben, hat einen Master-Abschluss in Internationale Beziehungen und Umweltpolitik und ist zudem Teil der Finnish Nature Conservation Association. Über deren Website ist sie auf das nationale Problem invasiver Pflanzenarten aufmerksam geworden und hat sich stark mit diesem Thema auseinandergesetzt. Sie sah dieses Talkoot als Möglichkeit dieses Problem anzugehen und ihren Beitrag zum Erhalt des lokalen Ökosystems zu leisten, insbesondere weil sie die Arbeiten bezüglich des Naturschutzes um Turku und am Aurajoki sehr wertschätze.

Insgesamt ist diese Veranstaltung, auf die wir erst spontan und vor Ort aufmerksam geworden sind, eine kulturell und ökologisch erlebnisreiche und eindrucksvolle Erfahrung im Rahmen unserer Finnlandreise.

Maha El-Abrache